123 - August 1988


Film-Journal Police
Sophie Marceau und Gérard Depardieu erstmals gemeinsam im Kino. Maurice Pialat onszenierte einen Polizei-Thriller mit starken „cinéma vérité“-Anleihen

Wer sich mit den Filmen des Maurice Pialat (,‚Der Loulou“, „Auf das, was wir lieben“) ein wenig auskennt, der wird kaum auf den Gedanken kommen, daß es sich bei „Police“ um einen herkömmlichen Krimi handeln könnte. Wie bei Pialat zu erwarten, filmte der französische Regisseur — im vergangenen Jahr in Cannes für „Sous le soleil de Satan“ mit der Goldenen Palme ausgezeichnet — auch hier gegen konventionelle Erwartungen an. Trotzdem (oder gerade deswegen) verfügt sein Film phasenweise über eine Verve und Realitätsnähe, die ihn deutlich von anderen Polizeifilmen abheben.
Inspektor Mangin (Gérard Depardieu) im Streß, zu dem auch Noria (Sophie Marceau) kräftig beiträgtDie Geschichte selbst ist schnell erzählt: Bulle verhaftet Mädchen, Bulle verliebt sich in Mädchen, Bulle verliert Mädchen. Der Bulle heißt Mangin und wird von Gérard Depardieu gespielt; 1985 wurde Depardieu auf dem Filmfestival von Venedig für diesen Part als bester Darsteller ausgezeichnet. Der Kino-typischen Figur des harten, unter der rauhen Schale aber unsicheren und verzweifelten Polizisten hat er überraschende Interpretationsmöglichkeiten abgewonnen. Seine Gegenspielerin ist Noria alias Sophie Marceau — und sie ist die eigentliche Überraschung des Films. Noria, Freundin (und Gelegenheitsnutte?) eines algerischen Dealers, dürfte die erste unsympathische Figur sein, die die Marceau in ihrer Karriere gespielt hat. Als notorische Lügnerin, stets auf den eigenen Vorteil bedacht und von ihren Gefühlen nur wenig preisgebend, überzeugt sie von der ersten Szene an.
Am besten gelungen sind Pialat die Szenen im Polizeirevier, weniger geglückt erscheint das letzte Drittel, wenn sich der Film auf die nicht ganz glaubwürdige Liebesgeschichte zwischen Depardieu und Marceau konzentriert und interessante Nebenfiguren ausspart. Immerhin gebührt dem Regisseur das Verdienst, kein billiges Happy-End inszeniert zu haben. (Daß sämtliche Ganoven Araber sind und die Frauen ausnahmslos wie Vieh behandelt werden, ist entweder ein unvermeidliches Zeitsymptom oder auf die Kurzsichtigkeit der Autoren zurückzuführen.) Trotz geringer Einschränkungen ist „Police“ ein sehenswerter, diskussionswürdiger Polizeifilm. Ein Film, der dem Genre eine längst notwendige Frischzellen-Spritze verpaßt. Daran ändert auch die Tatsache nichts, daß er bereits drei Jahre alt ist.
khs

Original: Police

Frankreich 1985; 113 Min.; Regie: Maurice Pialat; Buch: Catherine Breillat, Sylvie Danton, Jacques Fieschi, Maurice Pialat; Kamera: Luciano Tovoli; Ausstattung: Canstantin Mejinsky; Schnitt: Yann Dedet; Musik: Henryk Mikolaj Gorecki; Produktion: Emmanuel Schlumberger 
Mangin     Gérard Depardieu
Noria         Sophie Marceau
Lambert   Richard Anconina
Lydie        Sandrine Bonnaire
Marie        Pascale Rocard

Start: 4.8.1988

khs