
259 -
December 1999
Mit 007 gegen „La Boum“
Bitte ? Der Backfisch aus „La Boum“ ist das neue Bond—Girl ? Na klar ! In „Die Welt ist nicht genug“ hat Sophie Marceau mit der stärksten Frauenrolle aller 007—Filme den Kritikern das Maul gestopft. Gluckwunsch !
Seien wir doch ehrlich — diese Frau hatte in den letzten 19 Jahren nichts als Ärger mit uns. Mit Fans und Medien so undankbar wie Gören, die bei Seezunge auf dem Teller nach Fischstäbchen kreischen. Drehte sie Filme, in denen sie sich auszog, ertönte der Aufschrei: „Wo ist das artige Mädchen aus 'La Boum' ?“ Spielte sie Dramatisches wie „Anna Karenina“, lästerten Kritiker, der Ex-Teenie-Star mache auf seriös. Engagierte sie sich als Tierschützerin, hetzten französische Freizeitjäger: „Die soll sich nur vor unsere Flinten wagen.“ Und wenn sie eine Weile freiwillig von der Bildfläche verschwand, prophezeiten Klatschreporter das Ende ihrer Karriere.
Tatsache ist, dass Sophie Marceaus Leben ein Tempo hat, bei der andere entgleist wären. Stationen im Zeitraffer: mit 13 ein Superstar dank der T‘eenagerposse „La Boum — Die Fete“. Mit 16 César-Preisträgerin. Mit 30 eine französische Institution, die Präsident Mitterand auf Staatsreisen begleitet. Dauerhafte Beziehung zu dem polnischen Regisseur Andrzej Zulawski, 54, mit dem sie gerade den vierten gemeinsamen Film dreht. Ein vierjähriger Sohn namens Vincent. Partnerin von Mel Gibson in „Braveheart“. Aushängeschild für eine berühmte Parfüm-Marke. Und jetzt Gegenspielerin von Pierce Brosnan im 19. Bond-Film „Die Welt ist nicht genug“. All das
liest sich so, als hätte Sophie Marceau ein Leben ohne Brüche. Natürlich ist das Gegenteil der Fall.
Einerseits verehren sie ihre Landsleute, dass es fast schon beängstigend ist — bei Umfragen zur beliebtesten Schauspielerin liegt sie regelmäßig vor der Deneuve und der Adjani. Andererseits wurde schon so häufig auf Sophie Marceau eingeprügelt, dass sie eigentlich längst weichgeklopft sein müsste. Erst im Mai, während der Filmfestspiele in Cannes, bezog sie wieder Klassenkeile. Ihr „skandalöser“ Auftritt bei der Abschlussgala war tagelang ein Fressen für die Presse und Kollegen. Eingeladen, um die Goldene Palme zu überreichen — „Eine große Ehre für mich, wirklich!“ —‚ sprach sie zunächst über den Krieg im Kosovo und sterbenskranke Kiiider, plapperte zunehmend wirres Zeug und kämpfte sich zuletzt durch einen Blackout. Ein Debakel, live zur Hauptsendezeit im Fernsehen übertragen. Für die meisten Beobachter stand natürlich fest, dass sie ein paar Drinks, wenn nicht sogar ein paar Linien Koks zuviel intus hatte. „Dabei hatte ich nur einen mörderisch anstrengenden Tag hinter mir“, sagt Sophie Marceau. Im Morgengrauen Abflug in London, wo sie den Bond drehte. Tagsüber eine emotional aufwühlende Begegnung mit todkranken Kindern am Genfer See, denen die Vereinigung Arcenciel (Regenbogen) letzte Wünsche erfüllt. „Als ich dann abends an der Croisette in diese Glamourwelt eintauchte, die so gar nichts mit der Wirklichkeit da draußen zu tun hat, wollte ich von Dingen reden, die mir am Herzen liegen, aber irgendwie hat sich alles in meinem Kopf hoffnungslos verknotet, und was dann aus mir herausbrach, war hilfloses, scheinbar blödsinniges Gestottere.“
Sophie Marceau wegen dieser und ähnlicher Erfahrungen zu bedauern, wäre trotzdem falsch. Denn sie sagt selbst: „Ich brauche Widerstände, um kreativ zu sein.“ Außerdem trägt die Tochter eines Lkw-Fahrers einen ausgesprochenen Dickkopf auf ihren Schultern. Lieber pfeift sie etwa auf die Hollywood-Karriere, die ihr viele nach dem Erfolg von „Braveheart“ voraussagten, als sich dafür den Ritualen des Showgeschäfts anzupassen. „Vorsprechen und dann zwölf Monate lang in einer Mietvilla däumchendrehend auf Antwort warten? Nicht mit mir.“
Das könnte arrogant klingen, zeigt aber wohl eher, dass nach fast 20 Jahren im Geschäft der Druck des Sichständig-beweisen-Müssens größtenteils von ihr abgefallen ist. Und mit welcher Konsequenz sie ihren Beruf ausübt. Beispiel „Braveheart“: Die Drehpausen am Set waren so lang wie ihre Rolle kurz. Sie nutzte die Zeit zwischen zwei Takes und schrieb kurzerhand ein Drehbuch. Im Mai ‘96 hatte ihr erster eigener Kurzfilm „L‘aube à l‘envers“ (umgekehrte Morgendämmerung) in Cannes Premiere. Die Kritiker äußerten sich zur Abwechslung wohlwollend. Ein Jahr später veröffentlichte sie ihren ersten Roman. „Menteuse“ (Lügnerin) hieß das teilweise autobiografische Werk, und wieder waren die Besprechungen positiv.
Doch bei aller Arbeitswut ist Sophie Marceau eine, die es für eine traurige Mitteilung hält, wenn jemand kein Privatleben hat. Und die ihre Zeit am liebsten in Warschau verbringt, bei ihrem Mann und Sohn, in einem großen Holzhaus außerhalb der Stadt — einer Stadt, die für die Filmszene hinter Sibirien liegt und vielen als eine Art Exil erscheinen dürfte. Ein Ort jedenfalls, an dem Sophie Marceau unerreichbar ist — für die Presse und die „idiotischen“ Homestorys von Stars auf dem Sofa.
Aber selbst bei unverdächtigen Interview-Terminen scheint Sophie Marceau neuerdings immer auf der Hut zu sein, und auf aktuellen Fotos spricht Verletztheit aus ihrem Blick. Seit dem 13. Lebensjahr kursieren von ihr in der Öffentlichkeit so viele falsche Bilder, dass sie, vor kurzem 33 geworden, jetzt verstärkt zur Vorsicht neigt. Und vielleicht bleibt sie auch aus diesem Grund bei der Vorstellung gelassen, nach ihrem Bond-Triumph möglichen Angeboten aus Hollywood zu folgen, „wo mich kaum jemand kennt — und wenn, dann aus dem Internet“. Und plötzlich entwickelt Hollywood für sie einen bisher ungeahnten Reiz: „Es ist doch einfach wunderbar, an einen Ort zu kommen und zu wissen, dass man für die Menschen dort keine Vergangenheit und keine Geschichte hat.“ Sie macht eine Pause. „Und dass deshalb alles möglich ist.“
Karl-Heinz Schäfer
Mehr über Sophie Marceau im Internet: http://lavender.fortunecity.com/foxybrown/490/index.html
„James Bond - Die Welt ist nicht genug“ startet am 9.12. - Filmbesprechung ab Seite 36
James Bond stirbt nie
„Die Welt ist nicht genug“
bietet nicht nur Explosionen und Erektionen — sondern überrascht mit einem
innovativen Bösewicht, einer richtigen Handlung und sogar einer differenzierten
Frauenfigur: 007 ist für das Jahr 2000...
...daten von den Gitarrenquälern der Rockband Metallica bis hin zur „Titanic“-Heulboje Céline Dion. Der Filmtitel wurde wahlweise als „Aquator“, „Millennium Dome“, „Dangerously Yours“ oder „Pressure Point“ angegeben. Bedürftige Starlets wie Spice Girl Victoria Adams brachten sich der Einfachheit halber selbst ins Gespräch, ohne je gefragt worden zu sein. Andere traf, nicht zum ersten Mal in der Bond-Historie, der Fluch des frühen Wortes: Der amerikanische Rockstar Meat Loaf, zuletzt als busenschweres Hormonmonstrum in David Finchers „Fight Club“ zu sehen, war in einer frühen Planungsphase für die Rolle des 007-Gegenspielers Renard vorgesehen. Der abgehalfterte Plattenkönig hatte allerdings nichts Besseres zu tun, als das Top-Secret-Angebot in Interviews vorschnell auszuplaudern. Die Broccolis waren not amused — und strichen den geschwätzigen Rocker von der Liste.
Mit „Die Welt ist nicht genug“ startet nun der 19. Bond, der genau genommen der 20. ist — in der subjektiv gefärbten Additionsweise des Broccoli-Clans, der die 007-Serie von Beginn an produziert, zählt die Warner-Produktion „Sag niemals nie“ nicht mit. Der Titel des neuen Films ist eine versteckte Hommage an „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“ mit Hauptdarsteller George Lazenby, in dem erstmalig das Familienwappen der Bonds zu sehen war. Das schwungvolle Ornament wurde von einer lateinischen Inschrift gekrönt: „Orbis non sufficit“ — übersetzt: „Die Welt ist nicht genug“.
Als im Januar 1999 mit den Dreharbeiten begonnen wurde, waren seine Macher nach außen hin bemüht, den Eindruck des business as usual zu wahren: Man wolle die Formel beibehalten, ihr lediglich einige Frischzellen zuführen. Tatsächlich aber waren schon weit vor dem ersten Drehtag Weichenstellungen vorgenommen worden, die in der Roger-Moore-Ära undenkbar gewesen wären. Mit Michael Apted (,‚Nell“, „Gorillas im Nebel“) wurde ein Regisseur verpflichtet, der nie zuvor einen Actionfilm gedreht hatte. Auch die Drehbuchschreiber Neal Purvis und Robert Wade waren bislang nicht gerade für verbalen Grobschnitt bekannt und wurzeln in sozialromantischen Nischen des britischen Independent-Kinos (,‚Gib‘s ihm, Chris“).
Zudem wurden drei weitere Autoren engagiert, die unterschiedliche Schwerpunkte des Skripts herausarbeiteten: Michael Apteds Gattin Dana Stevens („Stadt der Engel“) übernahm den Feinschliff der Frauenrollen. Der Humorist Bruce Feirstein („Goldeneye“) peppte das Buch mit pointierten Dialogen auf. Der aus der 007-Fanzine-Szene stammende Michael France („Cliffhanger“) werkelte an Dramaturgie und Action-Gimmicks. Ein schlimmes Wort ging um in der Bond-Belegschaft: Qualität!

Als der langjährige Produzent Albert R. Broccoli die Geschicke des Agenten-Performers leitete, galt die simple Devise: größer, exotischer, spektakulärer! Nach „Cubby“ Broccolis Tod im Juni 1996 übernahmen dessen Tochter Barbara und ihr Ehemann Michael G. Wilson die Regentschaft des Bond-Imperiums. Aber im Gegensatz zum verstorbenen Mogul lassen Barbara Broccoli und Wilson kritische Stimmen keineswegs kalt. Nachdem „Der Morgen stirbt nie“ mit einem Minimum an Handlung und einem Maximum an Werbung selbst hartgesottene Bondisten vergrätzt hatte, gingen die Broccolis in Klausur und verordneten ihrem Helden eine charakterorientierte Schönheitsoperation. Das Ergebnis ist ein Bond, der mit einigen Überraschungen aufwartet.
Durchkreuzte 007 zuletzt die Absichten eines finsteren Medienmoguls, der aus Auflagen-Gier Lunte an den Dritten Weltkrieg zu legen versuchte, so führt ihn seine jüngste Mission auf die fernen Erdölfelder von Aserbaidschan. Die transkaukasische Republik wird zum Schauplatz eines erbitterten Kampfes um ein milliardenschweres Ölvorkommen unter dem Kaspischen Meer. Vier konkurrierende Unternehmer wetteifern um die Lizenz zum Bohren, aber bald sind es nur noch drei: Sir Robert King, einer der Hauptbewerber, kommt bei einem Bombenanschlag in London ums Leben. Da sich das Attentat direkt unter den Augen des britischen Geheimdienstes M16 ereignet, dauert es nicht lange, bis Bond zum Vier-Augen-Gespräch mit seiner britisch unterkühlten Chefin M (Judi Dench) bestellt wird. Im weiteren Verlauf der Handlung wird der „sexistische Dinosaurier“ (M über Bond) erstmals die Gelegenheit erhalten, bei seiner granitharten Vorgesetzten ein paar Sympathiepunkte zu machen.
Die ungewöhnlich lange Eröffnungssequenz von „Die Welt ist nicht genug“ wartet gleich mit einem Höhepunkt des Films auf: einer rasanten Speedboat-Verfolgungsjagd auf der Themse. Die zehnwöchigen Dreharbeiten dieser Sequenz verschlangen mit einem Kostenaufwand von acht Millionen Dollar knapp ein Zehntel des Gesamtbudgets. Nach dem Titelsong, der von der Technorock- ...