KINOHIT - August 1989

,,WENN ICH EINEN SEX-FILM DREHEN WILL, DANN TUE ICH ES !

Erotik-Star Sophie Marceau rechnet mit ihren Kritikern und mit dem französischen Kino ab

Vom Kinderstar zum Sex-Symbol: Sophie MarceauSophie Marceau (22) zählt zur jungen Star-Elite Frankreichs. Hübsch, intelligent, offen. Sie redet, wie ihr der Schnabel gewachsen ist, und sie weiß, was sie sagt. Denn Sophie ist seit 9 Jahren im Filmgeschäft. Ihr erster Film, „La Boum — Die Fete“ war so erfolgreich, daß Nummer 2 produziert wurde. Jetzt läuft der dritte „Boum“-Film unter dem Titel „Die Studentin“. In allen dreien spielt sexy Sophie. Man kann ihr Heranreifen vom Teenager zur Frau mitverfolgen. Wenn sie über den heutigen französischen Film spricht, wie im exklusiven KinoPremiere-Interview, nimmt sie kein Blatt vor den Mund: „Krank und pervers!“

KinoPremiere: „Die Studentin“ läuft in Frankreich schon länger. Wie ist der Film angekommen? 
Sophie Marceau: Er war ein Erfolg. Ich kann nicht sagen, ein großer, aber ein Erfolg.

Hatten Sie das erwartet?
Nein. Man weiß nie, wie ein Film geht, das ist nie vorherzusagen. Besonders heutzutage nicht, wo das Kino immer seltsamer wird.

Was meinen Sie mit ‘seltsam’ ?
In Frankreich gibt es eine wahnsinnige Produktion von Filmen, es gibt massenweise Regisseure und viel Geld. Aber meiner Meinung nach haben sich die Filme geändert. Eine Zeitlang gab es viele Tierfilme, jetzt gibt es eine Menge von perversen Filmen.

Wie ist das mit dem Sex-Symbol ?Pervers — in welcher Bedeutung?
Nicht erotisch, aber irgendwie krank.

Welche Filme zum Beispiel?
Fast alle. Ich meine das jetzt speziell auf Frankreich bezogen. Es gibt bei allen Filmen immer nur die eine, gleiche Geschichte: Wer schläft mit wem, und wie passiert das.

Und das halten Sie für ‘krank’ ?
Das Problem ist, daß die französischen Filme keine Geschichten mehr erzählen.

Meinen Sie das wäre ein französisches Problem, oder trifft das auch für amerikanische Filme zu?
Nein, ich glaube, es ist speziell in Frankreich der Fall. Ich schaue mir fast alle Filme an, französische, amerikanische, kanadische. In den Produktionen anderer Länder entdecke ich meistens noch die Verantwortung, irgendetwas sagen zu wollen, dem Pubilkum eine Botschaft zu vermitteln. Was in Frankreich zur Zeit geschieht, gefällt mir überhaupt nicht.

Ständig von Fotografen umringt: Sophie in Cannes.Nur der Film, oder auch anderes?
Ich meine damit die gesamte Kultur. Wir haben zum Beispiel keine Literatur mehr, wir haben keinen Film mehr, keine Malerei. Einfach nichts.

Können Sie das erklären?
Das ist eine lange Geschichte. Frankreich war einmal führend was Kultur anbelangte. Jetzt beschränken sich die Franzosen auf die Erinnerung daran. Sie denken nur an die Vergangenheit. Kein bißchen an die Zukunft. Die Franzosen sind sehr stolz auf das, was einmal war. Aber das genügt nicht. Man muß sich mit der Zukunft beschäftigen, muß sich Fragen stellen und sich auch selbst in Frage stellen. Den ganz Jungen, die etwas anderes machen wollen, wird keine Chance gegeben.

Glauben Sie, daß junge Regisseure in Frankreich nicht zum Zuge kommen?
So ist es. Wir haben gute junge Regisseure. Aber die alten wollen die Jungen und das Andere nicht. Das Hauptproblem sind allerdings nicht die Regisseure, sondern die Drehbücher, die Geschichten.

Warum haben die Amerikaner dieses Problem nicht?
So genau weiß ich das auch nicht. Sie haben einen vollkommen anderen, besser organisierten Markt. Ihre Filme sind besser gemacht. Sie haben einfach mehr Stories als wir.

„Gefährliche Liebschaften“, einer amerikanischen Produktion, liegt ein französisches Buch zugrunde...
Ja, und warum haben wir das nicht gemacht? Ich glaube, die Mentalität der Franzosen ist einfach ignorant. Wir sind nicht interessiert an guten Geschichten. Irgendwie ist das pervers.

Wenn Ihnen der französische Film nicht gefällt, würden Sie dann lieber in Hollywood arbeiten? 
Nein, die brauchen mich nicht, da bin ich sicher. Nein, ehrlich, Hollywood ist kein Traum von mir, wirklich nicht. Ich will gute Filme machen, mit guten Regisseuren — darunter sind auch ein paar französische, aber vor allem belgische, kanadische oder italienische. Ich denke zunächst an Europa. Wir müssen an ein vereintes Europa denken — auch beim Film. Ich habe es satt, nur in Paris zu sein, nur mit Leuten zu reden, die in Paris leben. Mir liegt Europa am Herzen, und nicht Hollywood, das ganz anders ist.

Sophie: „Mir ist egal, was die Leute denken. Ich mache keine Filme, um zu gefallen.“Anders — inwiefern?
Es ist eine ganz andere Kultur. Die brauchen uns nicht.

Wenn Sie aber ein Angebot aus Hollywood bekämen, wären Sie interessiert?
Ja, sicher. Aber zunächst würde ich das Drehbuch lesen. Ich würde nie alles akzeptieren, was aus Hollywood kommt.

Haben Sie jemals ein amerikanisches Angebot erhalten?
Nein. Die wissen nicht, wer ich bin, wissen auch nicht, wo und was Frankreich ist. „La Boum“ lief zwar in Amerika, aber ohne Erfolg. Für die Amerikaner ist der Film zu naiv. Alles ist anders in Amerika, die Autos sind größer, die Leute sind viel extremer, alles ist viel extremer. In Frankreich sind wir nicht so.

Welchen Unterschied sehen Sie?
Wir Franzosen leben in einem Kompromiß zwischen zuviel und zuwenig. Für uns wäre eine Leistungsgesellschaft wie die amerikanische nichts. Das ist ok, wenn man es nach oben geschafft hat. Wenn nicht, stirbt man.

Also mögen Sie Amerika nicht besonders?
Ich mag dieses Leistungsdenken nicht, ich bin für den Mittelweg. Ich bewundere aber eine Menge Dinge bei den Amerikanern.

Zum Beispiel ?
Ihre fortschrittliche Technik, ihre Kunst, ihre Malerei. Sie sind einfach völlig verrückt. Ich mag sie, aber ich würde nicht dort leben wollen.

Um auf Sie zurückzukommen: Meinen Sie nicht, daß Ihr Image als Sex-Symbol einen großen Teil der Attraktivität der Filme ausmacht?
Kann sein. Aber dieses Image ist ganz neu. Vorher war ich das kleine, französische Mädchen. Die kleine Freundin ganz Frankreichs. Aber ich meine, daß der Starkult heute nicht mehr funktioniert. Die Leute gehen nicht mehr wegen irgendeinem bestimmten Schauspieler ins Kino. Heute sind Spezialeffekte und Geschichten gefragt und wichtig.

Was Ihr Erscheinungsbild als Sex-Symbol anbetrifft: Als Sie ‘L’amour braque’ gemacht haben, war Frankreich geschockt. Noch entsetzter war es, als Sie in „Abstieg zur Hölle“ eine Sex-Szene mit Claude Brasseur, ihrem Filmvater aus ,,La Boum“ drehten...
Das interessiert mich nicht. Mir ist egal, was die Leute denken. Ich mache keine Filme, um zu gefallen, oder damit mich jeder liebt. Ich kann nicht allen gefallen. Ich liebe meinen Beruf, und ich möchte mich verändern. Schauspielerin zu sein, heißt, sich zu verändern.

Damit hat sich das Publikum aber anscheinend schwer getan.
Ja, weil mein erster Film, „La Boum“ so ein Erfolg war, daß jeder dachte, ich wäre immer ein kleines Mädchen. Aber so ist es eben nicht. Ich will die Wahrheit. Ich mache, was ich für richtig halte. Wenn ich eine Sex-Szene mit Claude Brasseur drehen will, dann tue ich das. Ich möchte auf keinen Fall das Gefühl haben, irgendetwas zu respektieren oder auf irgendetwas Rücksicht nehmen zu müssen. Wenn man zuviel Rücksicht auf das Publikum nimmt, dreht sich das irgendwann um. Dann nehmen einen die Leute nicht mehr ernst.


Sexy Sophie: Schon lange nicht mehr das kleine Mädchen aus „La Boum“