1997.05  De Hamburg

 

Atemberaubend: Tolstois „Anna Karenina“ wurde erstmals an Originalschauplätzen verfilmt.

Anna hat ein Geheimnis vor ihrem Mann.Drama vor prunkvollem Ambiente: Anna Karenina mit einer Freundin (großes Foto) und Graf Vronsky (r.)Stellen Sie sich das vor: Sophie „La Baum“ Marceau als Tolstois tragische Heldin. Moment, nicht lachen! Madame Marceau wird der Rolle durchaus gerecht. Sie ist eine lebensnahe Anna, nicht die heroisch leidende Maske, hinter der die Garbo sich in der Verfilmung von 1935 versteckte. Ohne sich dabei in affektierter Emotion und melodramatischer Geste zu verlieren, füllt die Actrice ihre Liebes- und Leidensgeschichte mit Blut, Schweiß und Tränen. Anna, eine verheiratete Frau, liebt den jungen Grafen Vronsky (Sean Bean). Ihr Mann (James Fox) verweigert die Scheidung und entfremdet ihr den Sohn. Anna zieht zu ihrem Geliebten. Doch die gesellschaftliche Verachtung, die ihr entgegenschlägt, zerrt an ihren Nerven, treibt sie in die Morphiumsucht und schließlich in den Selbstmord... 
Nicht nur Sophie Marceaus sinnliche Darstellung macht „Anna Karenina“ zum Erlebnis. Erstmals wurde der klassische russische Roman an Originalschauplätzen in Moskau und St. Petersburg verfilmt. Vor diesem Hintergrund wirkt das Drama der Anna Karenina authentischer denn je. Und durch Bernard Roses gradlinige, unspektakuläre Regie erscheint der Film stellenweise fast dokumentarisch. Es ist eine opulente, prachtvolle und gleichzeitig komplett entmelodramatisierte „Anna Karenina“, die Rose geschaffen hat. Man könnte ihm ausstatterische Übertreibung und emotionales Understatement vorwerfen — wenn diese Kombination nicht so atemberaubend gut funktionieren würde.
BERT BÜLLMANN

USA 1997. Von: Bernard Rose; mit: Sophie Marceau, Sean Bean Edward Fox.
Start: 1. Mai 

Perle oder Auster ?Über Sophie Marceau sind Presse und Publikum bestens informiert. Stationen ihres Lebens im Schnelldurchlauf: mit 13 ein Star dank «La Boum». Mit 30 eine französische Institution. 15 Filme, darunter ein paar skandalträchtige Nacktrollen. Dauerliaison mit dem polnischen Regisseur Andrzej Zulawski. Ein Sohn. Partnerin von Mel Gibson in «Braveheart». Model für eine berühmte Parfüm-Marke. Stop. Moment mal - gibt’s denn gar nichts Neues von Sophie zu berichten? Ein paar Dinge schon. Zum Beispiel pfeift sie auf eine Hollywood-Karriere. «Vorsprechen und dann zwölf Monate lang auf Antwort warten? Nicht mit mir.» Es geht ja auch anders: Mel Gibson engagiert sie ohne Probeaufnahmen. Die Drehpausen am «Braveheart»-Set sind so lang wie ihre Rolle kurz. Aber deshalb Däumchen drenen? Nicht mit Sophie. Die weiß die Zeit zwischen zwei Takes zu nutzen und schreibt ein Drehbuch. Im Mai ‘96 hat ihr Kurzfilm «L’aube à l’envers» in Cannes Premiere. Die Kritiker äußern sich wohlwollend über die Novizin hinter der Kamera. Ein Jahr später veröffentlicht sie ihren ersten Roman. Erneut sind die Besprechungen positiv. «Menteuse» heißt das teilweise autobiographische Werk. Ein Buch der Enthüllungen also? Nicht mit Sophie. Man beachte den programmatischen Titel: «Lügnerin». Wer private Dinge aus der Marceau herauskitzeln will, hat nichts zu lachen. Austern sind da offener. Doch die Franzosen respektieren ihr Schweigen. Und wählen sie regelmäßig zur beliebtesten Schauspielerin, noch vor der Deneuve und der Adjani. Daß sie talentiert ist, versteht sich ja von selbst. Als «Anna Karenina» tritt sie jetzt sogar in die Fußstapfen von Greta Garbo. Die kleine Sophie aus «La Boum» als große Tragödin? Mel Gibson, der Produzent des Films, wird schon wissen, warum er sie zum zweiten Mal engagiert hat. Ohne Probeaufnahmen.

Karl-Heinz Schäfer, Foto: Bettina Rheims